Nur wenige Monaten nach den Angriffen auf iranische Nuklear- und Militäreinrichtungen haben die USA und Israel erneute Angriffe lanciert. Dabei wurden Irans Oberster Führer Ali Chamenei sowie diverse ranghohe Mitglieder der Revolutionsgarde und des Militärs getötet. Der Iran reagierte mit Angriffen auf US-Verbündete und zivile Infrastruktur in der Golfregion. Dadurch ist auch der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus beinahe zum Erliegen gekommen. Durch diese Route fliessen über 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gashandels. Bei einem längeren Unterbruch dürfte der Ölpreis in Richtung USD 100 pro Barrel tendieren. Auch Irans Ölproduktion dürfte unterbrochen werden; allerdings liefert das Land mit rund 2 Millionen Barrel Rohöl pro Tag nur einen vergleichsweise kleinen Teil der globalen Ölmenge, und dies vor allem an China.

Der wichtigste Kanal, über den der Konflikt die globalen Finanzmärkte beeinflussen könnte, ist der Ölpreis. Kritisch wäre insbesondere ein Szenario mit ernsthaften Lieferunterbrüchen. Sollte der Ölpreis über Wochen oder gar Monate bei oder über USD 100 pro Barrel verharren, dürften die Märkte geringere Wachstumsaussichten und höhere Inflationserwartungen einpreisen. Moderate und temporäre Preisanstiege hätten dagegen nur begrenzte makroökonomische Effekte.

Andere Transmissionskanäle erscheinen weniger bedeutend. Eine nachhaltige Verschärfung der Finanzierungsbedingungen halten wir für unwahrscheinlich, da steigende Risikoaufschläge teilweise durch fallende Zinsen kompensiert würden. Auch ein stärkerer US‑Dollar dürfte kaum zu einem gravierenden Belastungsfaktor werden, insbesondere vor dem Hintergrund der ausgeprägten Dollar‑Abwertung der vergangenen Quartale. Vorstellbar ist allenfalls ein Szenario, in dem eine starke Destabilisierung Irans zu einer neuen Flüchtlingskrise führt, mit mittel‑ bis längerfristigen politischen Konsequenzen für Europa. Entscheidend wäre dabei, ob es zu einem Regimewechsel kommt und wie kooperationsbereit eine neue Führung gegenüber dem Westen wäre.

Naturgemäss ist schwer abzuschätzen, wie lange der Konflikt andauern und wie stark die Energieexporte aus der Region beeinträchtigt sein werden. Klar erscheinen jedoch zwei Punkte: Erstens wären dauerhaft höhere Ölpreise für US‑Präsident Trump politisch problematisch, insbesondere mit Blick auf die Zwischenwahlen im Herbst. Dies spricht dafür, dass die US‑Streitkräfte ihre Angriffe in absehbarer Zeit beenden könnten. Zweitens hat der Iran den vereinten militärischen Kräften der USA und Israels nur begrenzte militärische Mittel entgegenzusetzen. Es ist daher gut möglich, dass die aktuellen Vergeltungsmassnahmen vor allem der innenpolitischen Machtdemonstration dienen. Zwar ist nicht auszuschliessen, dass der Iran auch mittelfristig gezielt Infrastruktur benachbarter Länder angreifen kann, doch dürften seine Kapazitäten mit zunehmender Dauer des Konflikts abnehmen. Ab einem gewissen Punkt könnten die Märkte daher eine Normalisierung der Exportmengen einpreisen. Kurzfristig kann der Konflikt stagflationär wirken, eine anhaltende Ölkrise wie in den 1970er‑Jahren erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich.

Die Erfahrung zeigt auch, dass Märkte oft übermässig auf geopolitische Schocks reagieren, sich aber rasch stabilisieren. Im ersten Golfkrieg fiel der Ölpreis bei Kriegsbeginn, nachdem er zuvor stark angestiegen war. Auch nach dem Angriff auf die Raffinerien in Abqaiq und Churais in Saudi-Arabien im Jahr 2019 erholte sich der Ölpreis rasch, nachdem klar wurde, dass die Produktionsausfälle nur temporär sein würden. Übertragen auf die aktuelle Situation bedeutet dies, dass die derzeitigen Eskalationsängste die Risikoaufschläge vermutlich nur kurzfristig erhöhen, während die realwirtschaftlichen Schäden begrenzt bleiben dürften. Das Risiko einer grösseren Marktkorrektur halten wir daher weiterhin für moderat, auch wenn die Märkte kurzfristig unter Druck stehen könnten.

Ähnliches gilt für den Schweizer Franken, der seiner Rolle als sicherer Hafen erneut gerecht wurde. Die Aufwertung gegenüber dem Euro und dem US‑Dollar dürfte sich bei nachlassender Unsicherheit wieder normalisieren. Gleichzeitig erinnerte die Schweizerische Nationalbank aber daran, dass sie im Falle einer raschen und starken Frankenaufwertung intervenieren könnte.

Unsere Schlussfolgerung lautet daher: Das Risiko einer grösseren Marktkorrektur bleibt moderat, selbst wenn der Konflikt länger andauern sollte. Anlegerinnen und Anleger sollten den Fokus weiterhin auf die mittelfristig relevanten Treiber richten, etwa das robuste Gewinnwachstum sowie geld‑ und fiskalpolitische Impulse, aber auch auf bekannte Risiken wie die disruptiven Auswirkungen von KI auf Unternehmen und Branchen. Für Anleger mit einer zu niedrigen Aktienquote und einem mittel‑ bis langfristigen Anlagehorizont kann die aktuelle Marktunsicherheit eine Gelegenheit sein, die Aktienallokation auf das gewünschte Niveau zu erhöhen. Taktisch erscheinen insbesondere Aktien aus Europa und Asien interessant. Zudem zeigt die Krise einmal mehr, dass alternative Anlagen – allen voran Gold – dazu beitragen können, ein Portfolio während einer Krise zu stützen.