
War früher tatsächlich alles besser? Die kurze Antwort ist «nein». Viele zentrale Aspekte unseres Lebens – etwa Bildung, Wohlstand, Lebensqualität, Lebenserwartung und Gleichberechtigung – haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Gleichzeitig wirkt die Welt heute schneller, konfliktreicher und komplexer. Für Anlegerinnen und Anleger dürften sich daher zwei zentrale Fragen stellen: Nimmt die Zahl geopolitischer Spannungen tatsächlich zu? Und falls ja, können sich die Aktienmärkte dennoch weiterhin besser entwickeln als die vermeintlich sicheren Anleihen?
Empirisch spricht vieles dafür, dass die geopolitische und politische Unsicherheit zugenommen hat. Das Uppsala Conflict Data Program verzeichnete 2024 insgesamt 61 aktive staatlich basierte Konflikte – den höchsten Stand seit 1946. Auch das ACLED Project weist weltweit ein sehr hohes Niveau organisierter Gewalt aus. Gleichzeitig stiegen laut dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut die globalen Militärausgaben 2024 auf USD 2,7 Billionen – ein Rekordwert und der stärkste Anstieg seit Jahrzehnten. Das zeigt: Die Zahl und Gleichzeitigkeit geopolitischer Spannungen haben zugenommen und Staaten reagieren sichtbar darauf.
Für die Märkte ist jedoch nicht primär die Zahl der Konflikte entscheidend, sondern ihre ökonomische Reichweite. In einer fragmentierteren Weltordnung wirken Kriege, Sanktionen, Exportkontrollen, Energieunterbrüche und Handelskonflikte direkter auf Preise, Lieferketten und Unternehmensentscheidungen. Der Global Risks Report des World Economic Forum beschreibt die Gegenwart entsprechend als Ära der Fragmentierung, Rivalität und geoökonomischen Konfrontation. Diese Transmission zeigt sich auch in den Daten, etwa im jüngsten Wiederanstieg des 鶹 Supply Chain Stress Index infolge des Irankrieges.
Gleichzeitig sind geopolitische Spannungen nicht der einzige marktrelevante Treiber. Aktien profitieren derzeit stark von strukturellem Wachstum, insbesondere durch erhebliche Investitionen in künstliche Intelligenz (KI). Der Stanford AI Index zeigt deutlich steigende private KI-Investitionen und eine rasch zunehmende KI-Nutzung in Unternehmen. Auch bei der Monetarisierung machten führende Plattformen in den letzten Monaten teilweise deutliche Fortschritte – ein Trend, von dem wir glauben, dass er weitergehen kann. Da Märkte nicht nur die Gegenwart, sondern auch künftige Produktivitätsgewinne, hohe Margen und robustes Gewinnwachstum diskontieren, bleibt deren konstruktive Haltung gegenüber Aktien trotz erhöhter geopolitischer Spannungen durchaus rational.
Hinzu kommt, dass Unsicherheit die Anlageklassen nicht gleich trifft. Während Aktien vom positiven Ausblick für technologische Innovation profitieren, leiden viele Anleihenmärkte unter Inflation, höheren Laufzeitprämien und steigender Staatsverschuldung. Der IMF Global Debt Monitor 2025 und der OECD Global Debt Report 2025 zeigen, dass hohe und weiter steigende Staatsschulden den Finanzierungsbedarf erhöhen, das Angebot an Staatsanleihen ausweiten und den Druck auf langfristige Renditen hochhalten. Geopolitische Unsicherheit allein macht Anleihen daher nicht automatisch attraktiv. Wenn strukturelles Wachstum Aktien stützt und fiskalische Risiken gleichzeitig auf Anleihenrenditen lasten, können Aktien selbst in einer unruhigeren Welt relativ besser abschneiden und absolut attraktive Renditen liefern. Zudem konkurrieren klassische Anleihen zunehmend mit alternativen Anlageklassen wie etwa Infrastrukturinvestitionen und Rohstoffen, insbesondere Edelmetallen.
Unser Fazit: Die Welt ist in einigen Bereichen volatiler geworden, in vielen Aspekten geht es uns aber heute deutlich besser als früheren Generationen. Für die Aktienmärkte bedeuten die höhere politische Unsicherheit und geopolitische Volatilität aber nicht zwingend einen wesentlichen Gegenwind. Solange diese von strukturellem Wachstum – angetrieben etwa durch Investitionen in KI oder die Digitalisierung und Elektrifizierung – profitieren und Anleihen unter hoher Staatsverschuldung, steigender Emissionstätigkeit und höheren Laufzeitprämien leiden, bleibt unserer Meinung nach sowohl ihre absolute wie auch relative Stärke plausibel.
