Die Erwartungen an den Gipfel zwischen Präsident Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump wurden im Vorfeld wohl bewusst tief gehalten. Entsprechend dürften nur wenige Beobachter wegweisende Änderungen in der Beziehung der beiden Länder erwarten. Aber bereits das Stattfinden des Treffens ist ein wichtiges Signal, dass beide Seiten an einer Stabilisierung der Beziehungen interessiert sind, und damit wohl auch ein positiver Faktor für Märkte, Investorinnen und Investoren. Das Treffen illustriert auch, wie gut China es versteht, die eigenen Interessen durchzusetzen und damit seine globale Führungsrolle auszubauen. Für China dürfte der strategische Wert also nicht nur in den einzelnen Abkommen liegen, sondern auch in einer weiteren Verbesserung seiner Positionierung als führende Volkswirtschaft und zuverlässigen Partner. Dabei fällt auf, dass China heute aus einer Position relativer ökonomischer Stabilität und industrieller Stärke agieren kann, trotz oder vielleicht auch gerade wegen all der Schocks, die das Land in den letzten Jahren überwinden musste.

Die Diskussion um seltene Erden und Halbleiter ist zwar weitgehend von den Titelseiten der Medien verschwunden, bleibt aber ein zentraler Faktor, um das fragile Gleichgewicht der beiden Mächte zu tarieren. Peking hat gezielt und gekonnt Hebel eingesetzt, um US-Technologiebeschränkungen und Importzölle zu kontern. Das heisst allerdings nicht, dass Exportrestriktionen, Zölle oder gar Sanktionen nicht auch künftig für Nervosität an den Märkten sorgen können. Ebenso fällt auf, dass sich Peking bezüglich geopolitischer Themen wie Iran oder Taiwan in der Öffentlichkeit kaum äussert, obwohl diese Themen auch in Festlandchina eine ökonomische Relevanz haben und eine weitere Eskalation ein ökonomisches Risiko darstellten dürfte. Insgesamt könnte der Gipfel also dazu beitragen, die Tendenz zu einer multipolaren Weltordnung zu festigen und sichtbarer zu machen; eine Weltordnung, in der Festlandchina seine Autonomie weiter ausbauen und seine globale Markführerschaft in etlichen Industrien weiter stärken dürfte.

Chinas Wirtschaft präsentiert sich aktuell in einer guten Verfassung. Trotz geopolitischer Spannungen und höherer Energiepreise konnten Wachstum und Exporte jüngst positiv überraschen, während sich gleichzeitig erste Anzeichen eines Reflationszyklus zeigten. Das BIP expandiert mit rund 5 Prozent und liegt damit über den Erwartungen, getragen vor allem durch starke Exportzahlen. Die Produzentenpreise sind erstmals seit Jahren wieder positiv. Während steigende Inflationszahlen vielerorts ein Risiko bergen, dürfte die mögliche Rückkehr zu einem (leicht) inflationären Umfeld in China nach Jahren der Deflation durchaus willkommen sein.

Auch im Technologie- und Industriebereich baut China seine Position als globaler Marktführer konsequent weiter aus – und kombiniert dabei technologisches Know-how und Innovation mit strategischen Investitionen in Wachstumsindustrien. Im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) unterstreicht die Einführung von DeepSeek V4 die rasanten Fortschritte und die Fähigkeit, auch bei der Entwicklung von komplexen Schlüsseltechnologien mit dem Westen mitzuhalten. Dies reduziert die Abhängigkeit von westlicher Technologie und stärkt das lokale Innovationsökosystem. Chinas Wettbewerbsfähigkeit basiert ebenfalls stark auf Skaleneffekten, Automatisierung und tief integrierten Lieferketten. Selbst unter Exportrestriktionen gelingt es, Engpässe zu managen und gleichzeitig die eigene industrielle Basis weiter auszubauen. Und Chinas Energiepolitik wird zunehmend zum Differenzierungsfaktor: Die Selbstversorgung von rund 80 Prozent reduziert externe Verwundbarkeit, der massive Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung stärken die Wettbewerbsfähigkeit in vielen Zukunftsindustrien und die Marktführerschaft im EV- und Batteriemarkt schafft Exportchancen und stabilisiert die Wirtschaft und damit auch den Binnenkonsum.

Für Anleger bedeutet dies ein Umfeld mit attraktiven, aber selektiven Opportunitäten. Selektiv, weil chinesische Aktien – trotz all der positiven Entwicklungen – vielen anderen Märkten hinterherhinken. Mitverantwortlich dafür ist die weiterhin schwache Binnenwirtschaft, die nach wie vor unter den Auswirkungen der Immobilienkrise leidet. Und bevor sich die Konsumentenstimmung normalisiert, ist keine nachhaltige Verbesserung zu erwarten. Auch wurden die Interessen der Aktionäre teilweise nachranging behandelt, etwa um politischen oder strategischen Zielen Priorität einzuräumen.

Der Technologiesektor, beispielsweise im KI- und Internetbereich, oder grüne Industrien wie erneuerbare Energien, Batterien, und EVs bieten aber unseres Erachtens interessante Chancen. Neben diesen selektiven Opportunitäten in China möchten wir auch die anderen Märkte in Nordasien hervorheben. Gerade im Technologiebereich – und insbesondere in der Halbleiterindustrie – haben diverse Unternehmen im ersten Quartal äusserst starke Zahlen geliefert. Das hat die Aktienkurse beflügelt, die Bewertungen aber kaum belastet. Ein Blick nach Osten lohnt sich unserer Meinung nach also alleweil, auch wenn der XI-Trump-Gipfel wohl keine grundlegenden Veränderungen in der US-chinesischen Beziehung herbeiführen wird.